Festivalarbeit.de!

Aufruf: Festivalarbeit gerecht gestalten!

Rückblick auf das erste bundesweite Vernetzungstreffen der Initiative „Festivalarbeit gerecht gestalten“ (von Linda Kujawski)

In den letzten Jahren hat sich in Deutschland (und weltweit) eine kaum überschaubare Zahl von Filmfestivals gegründet und etabliert. Kaum eine Stadt oder Region ohne Festival, insgesamt gab es Ende 2015 knapp 400 professionelle Filmfestivals in Deutschland. Während diese Entwicklung rasant voranschritt, blieb ein Aspekt bislang unbeachtet: Filmfestivals sind Arbeit- und Auftraggeber. Sie bilden mittlerweile ein eigenes, zahlenmäßig relevantes Arbeitsmarktsegment im Rahmen der Kreativwirtschaft. Die Entwicklung einer so vielfältigen Festivallandschaft, deren Bedeutung innerhalb des filmwirtschaftlichen Verwertungskreislaufs auch als Standortfaktor nicht hoch genug zu schätzen ist, wäre nicht möglich gewesen ohne die Arbeit – und vor allem Selbstausbeutung! – tausender Festivalarbeiter*innen. Diese Tatsache gilt es insbesondere den Förderinstitutionen der Festivals zu verdeutlichen, deren Zuwendungen in vielen Fällen knapp und rein projektbezogen erfolgen und eine angemessene Bezahlung der Kernbereiche von Festivalarbeit nicht zulassen.

Die Festivalbranche hat hoch spezialisierte Berufsfelder hervorgebracht. Die Kuratierung, Programmierung und Koordinierung eines Filmprogramms, die Leitung eines Gästebüros, Kopiendisposition, Spielstättenmanagement, Katalogredaktion, Technik, Produktion u.v.a.m. erfordern ein sehr spezifisches Expertenwissen und langjährige Berufserfahrung. In der Wertschätzung, die unserer Arbeit gesellschaftlich und finanziell beigemessen wird, spiegelt sich das nicht wider. Die meisten von uns arbeiten auf freier Basis, mit Werkverträgen ausgestattet oder in befristeten Anstellungen, wobei über deren Ausgestaltung oft willkürlich entschieden wird. Gesetzeslagen sind unklar und werden nach Belieben ausgelegt. Dies alles ist nur möglich, da es zwischen uns kaum Austausch gibt und wir keine Lobby haben.

Wir sehen in folgenden Problemfeldern Handlungsbedarf:

1. Gerechte Entlohnung

Im Gegensatz zu den meisten künstlerischen Berufsgruppen existieren für Festivalarbeiter*innen bislang keine Honorarempfehlungen oder gar Tarife. Einstufungen werden willkürlich und regional höchst unterschiedlich vorgenommen.

Während Festangestellte zumindest weitgehend wenigstens den gesetzlichen Mindestlohn erhalten, funktioniert das – zahlenmäßig weit größere! – Feld der Freien weiterhin als frühkapitalistische Ausbeutungsmaschine. Wer mit Tagessätzen oder Projekthonorar entlohnt wird, kann von Mindestlohn-Stundensätzen oft nur träumen. Hinzu kommt vielerorts die unterschiedliche Wertigkeit von Tätigkeiten: technische=männliche=besser bezahlte vs. eher künstlerische=weibliche=schlechter bezahlte Jobs.

Was tun:
Sammlung von Vergleichsdaten mit der Perspektive, auf deren Grundlage Honorar- und Tarifempfehlungen erstellen zu können. Prüfen, inwiefern bestehende Datenbanken dafür genutzt werden können.

2. Soziale Absicherung

Ein Kind zu bekommen, krank oder gar alt zu werden ist unserer Branche nicht angeraten, Mindeststandards sozialer Absicherung hier oft nicht zu gelten. Dies muss sich ändern! Einen Schwerpunkt bildet dabei die Politik der Künstlersozialkasse und deren Aufnahmeregularien – die absurder Weise kuratorische Tätigkeiten als nicht-künstlerisch ausschließt.

Was tun:
Erfahrungen sammeln, Interessenvertretung gegenüber der KSK organisieren, Alternativen recherchieren.

3. Netzwerk/Interessenvertretung

Ebenfalls im Gegensatz zu anderen künstlerischen Berufsgruppen gibt es für uns weder einen Berufsverband noch eine andere Art von Lobby oder Interessenvertretung. Auch ver.di, der einige von uns angehören, hat uns bislang nicht vertreten oder auch nur wahrgenommen.

Was tun:
Netzwerk aufbauen mit der Perspektive, einen Berufsverband zu gründen. Parallel dazu bei ver.di Möglichkeiten zum Aufbau einer Struktur erfragen.

4. Datenbank/Jobbörse

Festivalarbeit ist zu großen Teilen Saisonarbeit, deshalb gibt es die wachsende Gruppe von Festivalnomad*innen. Um deren Expertise auch für potenzielle Arbeit- und Auftraggeber*innen besser bekannt und verfügbar zu machen, könnten sowohl die Arbeitskräfte, ihr Know-how und ihre zeitliche Verfügbarkeit sowie freie Stellen seitens der Festivals auf einer für Mitglieder zugänglichen Plattform abgebildet werden.

Alexandra Hertwig, Kasseler Dokfest
Andrea Kuhn, Filmfestival der Menschenrechte Nürnberg
Grit Lemke, DOK Leipzig
Ludwig Sporrer, DOK.fest München
kontakt@festivalarbeit.de