Eine empirische Analyse zentraler Erfolgsfaktoren von Filmfestivals in Deutschland

Abstract

Es gibt Anzeichen dafür, dass sich Filmfestivals, neben dem Internet und Datenträgern wie der DVD […] zur wichtigsten öffentlichen Plattform für Filme entwickeln, also die traditionelle Funktion von Kino und Fernsehen übernehmen werden. Während sie früher einen Marktplatz für Filme darstellten, also die Voraussetzung für eine kommerzielle Verwertung von Filmen überhaupt erst schafften und nur eine relativ kleine Öffentlichkeit erreichen konnten, stellen sie jetzt Öffentlichkeit her, werden also selbst zu einer Verwertung, oftmals zur einzigen.

(Lars Henrik Gass, Leiter Internationale Kurzfilmtage Oberhausen)

 

Seit der Durchführung des ersten Filmfestivals 1932 in Venedig hat sich ausgehend von Europa ein weltweites, kontinuierlich wachsendes Netz von über 4000 Filmfestivals entwickelt. Wichtiger Teil dieses Netzwerks ist der boomende deutsche Festivalmarkt mit seinen jährlichen Neuzugängen, seinen anhaltenden Publikumserfolgen und seiner stetig wachsenden Bedeutung in unterschiedlichsten Kontexten. Längst haben Filmfestivals die Aufgabe übernommen, einem Großteil des jährlichen Outputs an Filmproduktionen den ansonsten verwehrten Zugang zum Publikum zu eröffnen. In ihrem weltweiten Verbund fungieren Filmfestivals entsprechend als ein eigenständiger und ernstzunehmender Verwertungsmarkt, nehmen verstärkt als Akteur der Medienwirtschaft eine zentrale Position ein und wandeln sich kontinuierlich mehr zu klassischen Medienunternehmen. Neben den unterschiedlichsten Funktionen, die sie für die Filmindustrie ausüben, werden Filmfestivals vermehrt von der Politik als strategisches Instrument gewählt, um das örtliche Kulturangebot zu beleben, Bekanntheit, Attraktivität und Image einer Wirtschafts- bzw. Tourismusregion zu verbessern und damit gezielt zur Standortförderung beizutragen. Gleichzeitig rücken Filmfestivals auch im intermediären Sektor zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses, so beispielsweise in der (kulturellen) Bildung.

Doch trotz all der nachweislich ökonomischen wie sozialen Wirkungspotentiale ringt die Mehrheit deutscher Filmfestivals Jahr für Jahr um ihr Fortbestehen. Mit Blick auf das oberste Ziel einer jeden Unternehmung, der dauerhaften Sicherung ihrer Existenz und Entwicklungsfähigkeit, zielt diese wissenschaftliche Untersuchung darauf ab, Schlüsselfaktoren zu identifizieren, die das wirtschaftliche Überleben eines Filmfestivals maßgeblich beeinflussen. Dadurch soll Festivalmachern die notwendige Informationsgrundlage erschlossen werden, um mittels abgeleiteter Handlungsoptionen die Zukunft ihrer Unternehmung im Sinne eines strategischen Managements erfolgreich zu gestalten.

Der theoretische Bezugsrahmen lehnt sich bei der Untersuchung der klassischen Erfolgsfaktorenforschung an. Dem Untersuchungsdesign liegt ein zweistufiges qualitatives Vorgehen zugrunde: Eine Befragung mittels standardisiertem Fragebogen zur Datenerhebung einzelner grundlegender Strukturmerkmale, und leitfadengestützte, problemzentrierte Vor-Ort-Interviews, die der Hauptuntersuchung von Erfolgsfaktoren einzelner ausgewählten Filmfestivals aus der Sicht der jeweiligen Entscheidungsträgern dienen. Vorangestellt wurde der Untersuchung eine umfangreiche Marktanalyse zur Identifikation und Datenerhebung der Grundgesamtheit von ca. 400  deutschen Filmfestivals als Basis für die gezielt ausgewählte Stichprobe von 40 Untersuchungseinheiten.