„Es ist Zeit für ein neues Manifest“.
„It’s time for a new manifesto“

Edgar Reitz, Filmemacher und Mit-Unterzeichner des Oberhausener Manifests

->Frankfurter Positionen zur Zukunft des deutschen Films// Ergebnispapier

Der deutsche Film Hoffnungsträger und Sorgenkind zugleich stand im Mittelpunkt intensiver Diskussionen auf dem vom Lichter Filmfest organisierten ersten Kongress Zukunft Deutscher Film zu Perspektiven der deutschen Film- und Kinokultur am 5. und 6. April 2018 in Frankfurt am Main.

Diskussion: Was wir vom Kino noch wollen. Edgar Reitz, Lars Henrik Gass und Laura Walde. Moderation: Sophia Gräfe
Foto: Tanja Krainhöfer

Über 50 Branchenvertreter der deutschen Filmwirtschaft, nebst Repräsentanten der Deutschen Filmakademie wie RP Kahl, von Talentschmieden á la der HFF München wie Prof. Bettina Reitz, bis hin zu Alfred Holighaus, Präsident der SPIO, dem Dachverband von aktuell 18 Berufsverbänden hatten sich für diesen Auftakt zusammengefunden.

Bereits 2016 hatte Edgar Reitz als Schirmherr des LICHTER Filmfests eine Erneuerung der politischen Grundlagen für den aktuell in einem umfangreichen Thesenpapier konstatierten „Deutschen Gremienfilm“ gefordert. Diesem Gedanken folgend hatte sich nun ein Kreis an Regisseuren, Produzenten, Verleihern, Kinobetreibern, Festivalmachern uvm. zwei Tage lang in Klausur begeben und die tragenden Säulen der Filmwirtschaft – die Finanzierung und Förderung, Ausbildung und Nachwuchs, Distribution und Filmkultur – grundsätzlich hinterfragt, um den Filmstandort Deutschland von morgen auf ein neues Fundament zu stellen.

 

Präsentation der Ergebnisse des Kongresses: Martin Hagemann, Julia von Heinz, Alfred Holighaus und Claudia Dillmann, Moderation: Michael Hack
Foto: Tanja Krainhöfer



Experten aus dem Inland wie dem europäischen Ausland sorgten parallel auf zahlreichen Panels für ungeschönte wie weitreichende Einblicke in die tägliche Produktionspraxis. Darunter ein Vortrag zu den nachweislich lückenhaften rechtlichen Grundlagen des FFGs (Lars Henrik Gass und Jascha Alleyne), Beiträge zu wachsenden Chancen für Independent-Produktionen (u.a. Julius Feldmeier und Linus de Paoli), wie alternativen Auswertungsformen im Hinblick auf einen vom allgemeinen Produktionsboom überlasteten Kinomarkt (u.a. Tini Tüllmann und Jakob Lass).

 

Standpunkte der Filmfestivals des deutschen Nachwuchsfilms
Den Status Quo des deutschen Films beleuchteten moderiert von Urs Spörri  Svenja Böttger (seit 2016 Leiterin Filmfest Max Ophüls Preis), Linda Söffker (seit 2011 Leiterin der Sektion Perspektive Deutsches Kino der Berlinale) und Thorsten Schaumann (seit 2017 Leiter der Internationalen Hofer Filmtage) und damit ein bedeutender Teil der Crème de la Crème der Filmfestivals für den deutschen bzw. deutschsprachigen Film.* Eine Runde größter Expertise, allein vor dem Hintergrund, dass Linda Söffker mit ihrem Team für die Berlinale Ausgabe 2018 in Summe 318 Nachwuchsproduktionen gesichtet hatte, Svenja Böttger gemeinsam mit dem Programmleiter Oliver Baumgarten pro Jahr je ca. 180 fiktionale sowie dokumentarische Langfilme von Filmemachern bis zu deren dritten Produktion aus Deutschland, Österreich und der Schweiz begutachten und ebenso Thorsten Schaumann neben Einreichungen, gezielt eingeladenen Produktionen und Entdeckungen auf ausländischen Filmfestivals für das internationale Programm eine Unzahl an deutschen Produktionen im Vorfeld der Programmauswahl zu beurteilen hatte. Verglichen mit den im Jahr 2017 im Kino gestarteten 233 deutschen Produktionen in beachtlicher Umfang an Filmwerken allein aus dem Nachwuchssektor.

Einig ist man sich, dass trotz der Fülle die Filmwerke der nächsten Generation nur selten Anlass für große Überraschungen bieten und gerade echte Entdeckungen nicht selten fern von Fördernachrichten, Filmhochschulen und Produktionsspiegeln zu finden sind. Denn während sich der Nachwuchs aus der Independent-Szene experimentierfreudig und einfallsreich zeigt, konzentrieren sich viele der Filmhochschüler darauf, Visitenkarten fürs Fernsehen zu produzieren.

Dabei betont Svenja Böttger, dass sich Filmfestivals zwischenzeitlich selbst zu einem Teil des Systems entwickelt hätten. Längst seien Festivals der Funktion, Ausnahmetalente und deren Werke zu entdecken und einem aufgeschlossenen Publikum wie der Branche vorzustellen entwachsen. Vielmehr tragen sie heute als Teil der Filmwirtschaft auch eine nicht zu unterschätzende Verantwortung gegenüber den Filmemachern. Einerseits gilt es eine Öffentlichkeit herzustellen, die Vernetzung mit der Branche sicherzustellen, Karrieren zu begleiten und dabei auch in Durststrecken Unterstützung zu bieten. Anderseits ist man nicht minder bestrebt, die Auswertung der Filme über weitere Filmfestivals, vor allem aber auch im Kino, sogar mithilfe von Wettbewerbspreisen verbunden mit Verleihboni, zu befördern.

Panel mit Svenja Böttger (Filmfestival Max Ophüls Preis), Thorsten Schaumann (Int. Hofer Filmtage) und Linda Söfker (Perspektive Deutsches Kino, Berlinale), Moderation Urs Spörri

Linda Söffker: „Ich kann nur sagen, wenn wir 300 Filme pro Jahr gucken, muss ich leider auch konstatieren, dass wenn ein Film mal anderes aussieht, ist das schon aufregend, dann ist man dankbar. Und dabei ist anders aussehen nicht immer gleich automatisch gut.“
Svenja Böttger: „Ja, man sieht vieles, das aus dem regulären Produktionssystem stammt und das ähnlich wirkt. Und dann gibt es die anderen Filme, die man auch als Festival schwer entdeckt. Landrauschen beispielsweise, unser diesjähriger Gewinner des Hauptpreises wie des Preises für das beste Drehbuch, ist ein komplett crowdgefundetes Projekt von einer Quereinsteigerin; ein Spielfilm wirklich mit unfassbar wenig Geld gemacht, improvisiert mit Laiendarstellern und in dem Heimatdorf gedreht.“
Thorsten Schaumann: „Ich glaube, dass deutsche Filmemacher durchaus mutiger sein könnten. Aber die Bandbreite spiegelt sich oftmals nur auf Festivals wieder. Es gibt tatsächlich einige, die aber dann den Sprung übers Festival hinaus nicht schaffen. Deshalb besteht das deutsche Kino in der Wahrnehmung viele Leute nur aus Blockbustern wie von Till Schweiger und Matthias Schweighöfer.“

Dennoch begegnen Filmfestivals, so Linda Söffker, auch immer wieder herber Kritik seitens der Kino- und Verleihbranche. „Da ist die Rede davon, dass wir die Filme kaputtmachen, selbst die Kinokultur, das Kino als Ort. Auch wenn viele interessante Filme ohne Festivals keine Sichtbarkeit fänden sowie aufgrund des Besucherrückgangs kein reguläres Kinopublikum, stellt sie fest: „Selbst wenn ein Film bei mir in der Perspektive die Möglichkeit hat, einen Verleih zu finden, dann hat womöglich die Berlinale mit vier Vorstellungen das wesentliche Zuschauerpotential schon bedient, zumindest in Berlin.“

Trotz zahlreicher Bemühungen der Festivals diesem scheinbaren Wiederspruch einer erfolgreichen Festivalauswertung und erfolgsversprechenden Kinoauswertung mit Maßnahmen entgegenzuwirken, ist die Zurückhaltung gegenüber Festival-Hits seitens Verleihern im Arthouse-Sektor groß. So verwundert es nicht, dass immer mehr Filmemacher dazu übergehen (müssen) ihre Filme im Eigenverleih herauszubringen.

In Anbetracht der häufig deutlich größeren Besucherzahlen auf Filmfestivals als bei der anschließenden Kinoauswertung, stellt sich unter Festivalmachern wie Linda Söffker zurecht die Frage: „Warum werden die Zuschauer auf Festivals bei den von der FFA erhobenen Kinozuschauerzahlen nicht mitgezählt? Damit wäre uns allen geholfen!“ Da die FFA bisher nur vereinzelte Festivals bei der Erhebung der Zuschauerzahlen berücksichtigt, hatte sich das Max Ophüls Filmfestival in diesem Jahr entschieden, den Filmemachern die Zuschauerzahlen bei den Festivalvorführungen proaktiv mitzuteilen. „Die Filmemacher sollen zum einen wissen, wie viele Zuschauen haben meinen Film gesehen und zum anderen die Zahlen auch direkt der FFA melden können, zumal wir auch FFA-Abgaben zahlen“, betont Svenja Böttger.

Viele Prognosen deuten darauf hindeuten, dass zukünftig Filmemacher insbesondere auch aus dem Dokumentarfilmbereich nach einer gezielten Festival-Auswertung eine individuelle Kino-Strategie anstrengen. Und dennoch vertreten Svenja Böttger, Linda Söffker und Thorsten Schaumann unisono die Meinung, dass man langfristig die Hürden, die sich der Filmwirtschaft bereits heute stellen, nur gemeinsam überwinden kann

*verhindert waren Christoph Gröner, Kurator der Reihe Neues Deutsches Kino beim Filmfest München und Daniele Sponsel, Leiter des DOK Fest München.