Frauen zeigen ihr Gesicht, Männer ihre Filme [1]
Untersuchung der Repräsentanz von Filmwerken von Regisseurinnen

im Programm deutscher Filmfestivals

[1] Frei nach Fanny Cottençon, Virginie Despentes, Coline Serreau „ A Cannes, les femmes montrent leurs bobines, les hommes, leurs films“ In: Le Monde (11.05.2012)

Die Studie erscheint am 8. Mai 2016

Aktuell:
Directors UK: Cut Out of the Picture: A study of gender inequality among directors within the UK film industry 
erschienen am 4. Mai 2016

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1.Präambel

Im Herbst 2014 trat der Verein „Pro Quote Regie“, ein Zusammenschluss von Regisseurinnen in Deutschland, mit überraschenden Zahlen an die Öffentlichkeit: nur 11 % des fiktionalen Abendprogramms in den beiden öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern ARD und ZDF, 22% der Kinofilme im mittleren Budgetbereich, 10% der Kinofilme mit Budgets ab 5 Mio. Euro werden in Deutschland von Frauen inszeniert (BVR_Erster Diversitätsbericht_2010-2013).[2]

Ein ähnliches Missverhältnis förderte daraufhin im Februar 2015 eine Studie des Instituts für Medienforschung Rostock zu Tage (Gender-Report-Deutscher_Kinofilm_2015_01). Auch aus dieser Untersuchung geht hervor, dass während unter den Absolventen von Filmhochschulen noch ein weitgehend ausgeglichenes Gender-Verhältnis besteht, weist die Beschäftigung von Regisseurinnen ein eklatantes Ungleichgewicht zu der ihrer männlichen Kollegen auf. So entstanden im Zeitraum zwischen 2009 und 2013 nur 22 Prozent aller deutschen Kinofilme unter der Regie von Frauen.[3]

Die Forderung nach konkreten politischen Weichenstellungen basiert dabei nicht allein auf der Verpflichtung der Gleichstellungspolitik in der Film- und Medienwirtschaft. Vielmehr begründet sich diese auch darin, dass das Potenzial von Frauen unverzichtbar ist zur Steigerung und Sicherung der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit eines zentralen Segments der Kultur- und Kreativwirtschaft als einem „der dynamischsten Wirtschaftszweige der Weltwirtschaft“[4].

Neben den klassischen Verbreitungen von Filmwerken in Kino, Fernsehen oder über DVD hat im Laufe der vergangenen 20 Jahre auch die Auswertung von Filmen über Filmfestivals eine ernstzunehmende Bedeutung erfahren. Filmfestivals erfüllen heute vielzählige Funktionen aus bildungs- und gesellschaftspolitischer, aber vor allem auch ökonomischer Perspektive. So erweisen sie sich als wichtige Präsentationsplattform des zeitgenössischen Kinos und damit der Werke ebenso wie ihrer Macher. Sie dienen für zahlreiche Filme als entscheidender Marktzugang ebenso wie für Fachbesucher als wertvoller business place und  wirken auch über die oftmals hoch dotierten Auszeichnungen und Preise hinaus als monetarisierbare Qualitätssigel.

Proteste weiblicher Filmmacherinnen, wie beispielsweise der  drei renommierten französischen Regisseurinnen Fanny Cottençon, Virginie Despentes, Coline Serreau im Jahr 2012 mit ihrem Vorwurf in der Presse „A Cannes, les femmes montrent leurs bobines, les hommes, leurs films“[5], richten sich regelmäßig gegen die männerdominierte Einladungspolitik insbesondere der sogenannten A-Festivals wie in Cannes, Berlin oder Venedig.

Doch nicht allein die Forderung seitens Regisseurinnen nach Chancengleichheit hinsichtlich des beruflichen Entfaltungspotenzials gibt Anlass für die Brisanz des Themas.  Argumente wie von Jane Campion 2014 in Cannes geäußert „especially when it comes to public moneyit has to be equal“ weisen Filmfestivals auf ihre Verpflichtung einer ausgewogenen Programmierung hin. Denn eine Gleichstellung weiblicher und männlicher Filmemacher ist allein der Tatsache geschuldet, dass der Großteil deutscher Filmfestivals in ihrer Organisations- und Finanzierungsgrundlage, sei es durch eine öffentliche Trägerschaft oder breite Förderung durch die öffentliche Hand maßgeblich getragen und damit legitimiert wird.

  1. Fragestellung

Diese Ausgangssituation bildet die Grundlage für die Fragestellung wie sich der Anteil an Filmproduktionen deutscher Regisseurinnen im Programm deutscher Filmfestivals im Vergleich zu denen ihrer männlichen Kollegen verhält. Relevant scheint in diesem Zusammenhang auch die Frage nach der Verteilung in Bezug auf Lauflänge und Gattung der Filmwerke sowie nicht zuletzt das Verhältnis an verliehenen Auszeichnungen und Preisen unter den beiden Geschlechtern.

  1. Methode und Datengrundlage

Ziel dieser Studie ist es, mittels einer Bestandsaufnahme der Geschlechterverteilung die Zugangschancen von Filmwerken deutscher Regisseurinnen mit dem Focus auf die Programmierung von Filmfestivals zu untersuchen.

Für diese Untersuchung, die sich als Pilotstudie versteht, wurde als Partner der Verband der bayerischen Filmfestivals gewonnen.  Für die Teilnahme an der Studien wurden somit die 18 Mitgliedern des Verbands angefragt sowie das Internationale Münchner Filmfes, das Filmschoolfest sowie die Internationalen Hofer Filmtage.

Analysiert werden anhand der Daten aus den Filmfestivalkatalogen die Programmbeiträge aller im Rahmen der Filmfestivals programmierten Filmproduktionen im Untersuchungszeitraum vom 01.01.2015 bis 31.12.2015. Ermittelt werden wie viele von Frauen inszenierte Filme 2015 auf den genannten Filmfestivals präsentiert wurden ,  wobei über das Gender-Merkmal hinaus – den Zugang zu entsprechenden Daten vorausgesetzt – Gattung, Filmlänge, Produktionsjahr, Herstellungsland (einschließlich nationaler und internationaler Koproduktion) codiert werden.

 

Diese Studie erfolgte auf Initiative von Maya Reichert, ehemalige Frauenbeauftragte der Hochschule für Fernsehen und Film München, und schließt damit an die Gender-Forschung am Lehrstuhl von Prof. Dr. Michaela Krützen für Kommunikations- und Medienwissenschaft an, die zuletzt mit der Analyse FILME.MACHERINNEN die Karrierewege von HFF Absolventinnen untersuchte.

 

[1] Frei nach Fanny Cottençon, Virginie Despentes, Coline Serreau „ A Cannes, les femmes montrent leurs bobines, les hommes, leurs films“ In: Le Monde (11.05.2012)

[2]Vgl.  BV Regie (2014): Erster Regie-Diversitätsbericht des BVR 2010–2013. Berlin. http://www.regieverband.de/de_DE/magazine/203349/index (20.07.2015)

[3] Vgl. Prommer, Elizabeth und Loist, Skadi (2015): Wer dreht deutsche Kinofilme? Gender Report: 2009-2013. Institut für Medienforschung. Universität Rostock. Rostock http://www.imf.uni-rostock.de/uploads/media/Gender-Report-Deutscher_Kinofilm_2015.pdf>. (20. 07. 2015)

[4] BMWi: Kultur- und Kreativwirtschaft. Branche mit Zukunft. http://www.bmwi.de/DE/Themen/Wirtschaft/Branchenfokus/kultur-kreativwirtschaft,did=626444.html (20. 07. 2015)

[5] Fanny Cottençon, Virginie Despentes, Coline Serreau , In: Le Monde (11.05.2012):  http://www.lemonde.fr/idees/article/2012/05/11/a-cannes-les-femmes-montrent-leurs-bobines-les-hommes-leurs-films_1699989_3232.html (20.07.2015)